Alexander Riss - Vintage Photography



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Wie die Fotografie mein Leben verändert hat.

Mai 18, 2018

Ok, das hier wird jetzt ziemlich persönlich

Hier mal eine ehrliche Frage: Was macht ihr um Euch zu beschäftigen?
Geht Ihr raus? Geht Ihr Feiern? Lest Ihr ein Buch? Sport vielleicht?.. Ich habe solche Dinge gehasst. Meine besten Freunde waren Playstations und Gameboys. Ich konnte Stunden, wenn nicht Tage vor der Konsole verbringen. Und allen Warnungen meiner Eltern zum Trotz jeden Tag aufs neue in die Videothek gehen um neue Spiele auszuleihen. Das war mein Leben…. das Einzige, in dem ich wirklich gut war.
Doch mit 15 änderte sich alles. Meine Eltern kauften sich eine dieser damals tollen, neuen Digitalkameras. 220€ hat das gute Stück damals gekostet. War so schwer wie ein Backstein und mit 2,2 Megapixeln läuft heute jedes 50€ Smartphone besser auf. Aber bleiben wir mal auf dem Teppich: Es war das beste, dass Mutti und Vati damals hätten tun können.

Ich verliebte mich in das Teil. Es änderte mich. Und versteht mich nicht falsch… ich habe nach wie vor viel zu gerne meine Playstation angeschmissen, aber das Haus verließ ich nicht mehr ohne Kamera. Plötzlich wurden Dinge interessant, die ich vorher nicht mal bemerkt habe.
– Schmetterling – Geil
– Baum – Geil
– Brechendes Licht durch Whiskeyflasche – Supergeil

Und spätestens seit der Ausbildung steht für mich fest, dass ich nicht mehr zurück will. In den letzten etwas mehr als 10 Jahren hat mir die Fotografie mehr beigebracht als ich je zu Fragen gedacht hätte. Dinge Wie:…

 

1. „Genau hinschauen“

Heute laufe durch die Straßen und schaue genau hin. Ich suche nach Details, strebe nach den kleinen Dingen. Es gibt nicht viel, dass ich mir nicht gut belichtet als Motiv vorstellen könnte. Vorher nahm ich die meisten Dinge um mich herum als selbstverständlich und beachtete sie kaum. Heute halte ich an und suche nach dem perfekten Ausschnitt.

2. „Sehen“

Bevor ihr Euch verwundert an den Kopf fasst: Hinsehen ist nicht gleich sehen.
Hier ein Beispiel: Schaut mal in den Spiegel. Die meisten von uns sehen vorrangig das, was uns an uns selbst missfällt. Hier ein Feuermal, da eine Strähne die nicht liegen möchte. Vielleicht Aknenarben aus der Pubertät. Ich sehe Menschen an und will sie fotografieren, weil genau diese kleinen Dinge sie ausmachen. Einer meiner besten Freunde hatte früher mit starker Akne zu kämpfen. Bis heute scheint ihm nicht klar zu sein, was für ein charismatisches Gesicht er nun dadurch hat.

3. „Zeit“

Zeit war für mich eine Maßeinheit um zu bestimmen, wie lange ich von Punkt A nach Punkt B brauche. Und schaut man heute in der Innenstadt in die Menge, so sieht man Menschen, zu denen ich Ich mich heute wohl auch zählen dürfte, käme denn nicht alles anders. Zeit hat für die meisten keinen Wert mehr. Andauernd starren wir auf die Uhr, wollen noch schnell unsere Bahn erwischen oder fragen uns, wie lange der verdamte Stau noch andauert. Heute stehe ich in der Menge, fokusiere mein Motiv und habe alle Zeit der Welt. Ich bin gemütlich geworden… habe gelernt, die Dinge um mich herum auszublenden, wenn es sein muss: Habe gelernt zu warten und hinzusehen.

4. „Licht und Schatten“

Kunst und Fotografie entspringen dem Verständnis um die Nutzung von Licht und Schatten. Und das versteht sich soweit auch von selbst. Doch nun erwische ich mich jeden Tag aufs neue dabei, dass ich jeden Sonnenstrahl nur zu gerne analysiere. Wo kommt das Licht her, wo wird es gebrochen und wo reflektiert? Wo entstehen Schatten oder wird das Licht gar ganz geschluckt? Wie Intensiv scheint die Sonne? Und wenn ich jetzt loslaufe, schaffe ich es womoglich noch, das perfekte Streiflicht einzufangen? Damals war Licht für mich nur dazu da, um den Vorhang zuziehen zu können. Doch mit einer Kamera in der Hand wird es zu einem integralen Bestandteil meiner Arbeit.

5. „Entfernung“

Wie das fertige Bild später wirkt, hängt natürlich nicht nur von Licht und Schatten ab, sondern auch maßgeblich von der gewählten Entfernung. Wie weit muss ich wegstehen, um das Motiv in genau dem Winkel und der Wirkung einzufangen, die ich mir schon seit mindestens 5 Minuten in den Kopf hämmere. Welches Objektiv benutze ich? Welche Brennweite ist die beste? Und warum überlege ich nicht einfach ertwas länger als 5 Minuten? 😉

6. „Lernen“

Bekanntermaßen lernt man nie aus. Selbst ein erfahrener Fotograf muss sich weiter entwickeln. Auch ich versuche mich mit jedem Foto zu verbessern und mit jedem Shooting etwas neues auszuprobieren. Doch auch, wenn man etwas Neues lernt, sollte man das Alte nicht vernachlässigen.
Dinge wie die Belichtungszeit, Blende, ISO, Komposition, spannende Aufteilung der Flächen im Bild, Brennweite oder Fokus sind die Grundsteine der Arbeit eines Fotografen.
Auch das studieren der alten Meister ist wichtig, will man auf Dauer erfolg haben. Urgesteine wie Ansel Adams, Henri Cartier-Bresson oder Robert Capa liefern hier zum Beispiel wunderbare Lektüre und hervorragende Einblicke in einige der größten Köpfe der Branche.

7. „Kommunikation“

Mich vor die Tür zu bringen ist etwas, das nicht einmal meine Eltern geschafft haben. Und wie hätten sie das anstellen sollen? Ich war ein verschlossener Typ. Nahm man mir mein Spielzeug weg, fing ich an zu zeichnen und zu malen. Das war sicher besser als die Spielekonsole aber neue Freunde brachte es mir auch nicht. Dazu kam noch mein vererbtes Stottern, das im Endeffekt dazu führte, dass ich mich völlig abkapselte und mit wenigen Menschen wirklich sprechen konnte. Doch seit ich fotografiere, habe ich da eine ganz andere Sicht. Ich rede viel und gerne. Nicht nur weil es ein großer Teil meiner Arbeit ist, sondern weil es mir Spaß macht mich zu unterhalten. Mache ich ein Bild von jemanden, komme ich oft in`s Gepsäch mit der Person. Fotografiere ich wahllose Objekte in der Stadt, halten die Menschen an und schauen zu, sprechen mich an, wollen wissen was ich tue.
Und ich bin dankbar dafür.

 

Ja, die Fotografie veränderte mein Leben und ohne sie wäre ich heute nicht da, wo ich jetzt stehe. Und langsam aber sicher wird der Artikel ziemlich lang. 🙂